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Verstand, Stille und Spiritualität

23. Aug.
5 Min. Lesezeit

Meine Prägungen

Ich war immer sehr stolz auf meinen vifen und scharfen Verstand. Über ihn habe ich mich stark definiert. Aus ihm heraus entstand auch mein Antrieb, Leistung zu erbringen und ein gewinnbringendes Zahnrädchen in unserem gesellschaftlichen System zu sein.


Seit ich mich auf den spirituellen Weg gemacht habe, hat sich mein Verstand verändert. Oder vielleicht auch einfach seine Rolle in meinem Leben und meine Beziehung zu ihm. Eine Zeit lang lehnte ich meinen Verstand sogar stark ab. Ich bemerkte, dass ich einen grossen Teil meines Lebens in der männlichen Yang-Energie gelebt hatte und wieder stärker ins Yin, ins Fühlen, kommen wollte. In meine Weiblichkeit. Dann durfte ich erkennen, dass mein Verstand nicht mein Feind ist. Er wurde zu meinem Berater.


Die Veränderungen wurden spürbar und machten mir, ehrlich gesagt, teilweise auch Angst. Er war nicht mehr so dominant, laut und schnell, wie ich es von ihm kannte. Plötzlich begann ich sogar, an meiner eigenen Intelligenz zu zweifeln. Ich hatte es geliebt, meine Intelligenz in Diskussionen unter Beweis zu stellen. Doch plötzlich konnte ich Diskursen mit Menschen, die sehr stark über ihren Verstand argumentierten, nicht mehr standhalten. Gleichzeitig verspürte ich immer wieder den Drang, zu beweisen, dass ich keineswegs dumm geworden war. Ich versuchte, meine Unsicherheit zu kompensieren.


Heute ist mir bewusst, dass sich die Herzintelligenz viel schneller und oftmals präziser ist,als der Verstand. Deshalb ist mein Verstand heute ein Diskussionspartner, der mir hilft, Muster zu erkennen, aber auch ein Lernpartner, der mir aufzeigt, wo noch Wachstumspotenzial liegt.


Zwei Dinge haben wesentlich zu dieser gefühlten Veränderung meines Verstandes beigetragen: mein Fokus und die Stille.


Fokus auf mein seelisches Wachstum

Durch meine immer wiederkehrenden Depressionen wurde mir klar, dass ich in dem gegebenen System kaputtgehe und meinen eigenen Weg finden muss, um nachhaltig glücklich und gesund zu werden.


Persönliches Wachstum war schon immer ein starkes Bedürfnis von mir und hat mich seit jeher begleitet. Doch nun richtete ich meinen Fokus noch stärker nach innen. Ich wollte meinem seelischen Wachstum Raum geben und herausfinden, was wirklich durch mich gelebt werden möchte.


Je mehr ich mich mit dem Leben und meiner Essenz beschäftige, desto mehr finde ich meine Antworten in mir und nicht im Aussen. So lerne ich, immer stärker aus meinem Herzen heraus zu leben.


Ich tauche durchaus punktuell ins Weltgeschehen ein und lasse meinen Verstand die Informationen für mich einordnen. Doch ich muss nicht jede Information festhalten oder jede Meinung verteidigen. Leben und leben lassen beschreibt meine Haltung wohl ziemlich gut.


Ich bin überzeugt, dass wir aus jeder Perspektive etwas lernen können. Letztlich betrachtet jeder Mensch ein Thema aus seinem eigenen Blickwinkel und nimmt dabei immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit wahr. Für mich geht es deshalb nicht darum, Recht zu haben oder andere von meiner Sichtweise zu überzeugen. Ich höre mir unterschiedliche Perspektiven an, prüfe sie mit meinem Verstand und nehme anschliessend wahr, was sich für mich stimmig und wahr anfühlt.


In die Stille gehen

Was meinen Verstand ebenfalls verändert hat, ist die Stille. Je mehr Raum Stille und Präsenz in meinem Leben einnehmen, desto weniger denkt es in mir. Für mich ist das eine enorme Entlastung. Ich bin noch immer auf meinem Weg, doch eines habe ich bereits gelernt: Durch die Spiritualität bin ich nicht dümmer geworden. Es ist einfach ruhiger und leiser in mir geworden.


Im September 2023 schwieg ich 28 Tage am Stück. Das war eine sehr intensive Erfahrung, die ich jedem nur ans Herz legen kann. Aus dieser Zeit nahm ich einige wichtige Erkenntnisse mit. Eine der prägendsten Erkenntnisse aus dieser Zeit war für mich: 95% der täglich gesprochenen Worte sind unnötig.


WORTE FÜR DIE GEDANKENHYGIENE

Oft nutzen wir verbalen Austausch auch, um unsere Gedanken zu sortieren und emotionalen Druck loszuwerden. Wir kommen mit unseren Gedanken nicht alleine zurecht oder nehmen uns zu wenig Raum, um sie zu sortieren und für uns zu relativieren. Dabei sprechen wir manchmal auch Dinge aus, die andere verletzen und eigentlich völlig unnötig sind – nur weil wir uns triggern lassen und in diesem Moment nicht in der Lage sind, uns selbst zu regulieren.


Hinzu kommt, dass wir häufig alte Gedanken wieder und wieder wälzen. Oft drehen wir uns dabei um Gedanken, die wir bereits unzählige Male gedacht haben, anstatt neue Perspektiven oder Impulse entstehen zu lassen. Ich habe für mich erfahren, wie stark unser Körper auch auf Vorstellungen und wiederholte Gedanken reagieren kann, selbst wenn wir das Erlebte nicht tatsächlich erfahren. Darin liegt für mich auch ein grosses Potenzial. Ich kann mich beispielsweise täglich mit allen Sinnen in mein zukünftiges Ich hineinfühlen. Damit kann es schneller in die Realität finden.


Doch natürlich gibt es auch eine Kehrseite. Wenn ich negative Erlebnisse oder Gedankengänge immer wiederholen, kann ich auch immer wieder ähnliche Stressreaktionen in meinem Körper auslösen. Das kann mein System zusätzlich belasten und mich anfälliger für negative Gedankenkarusselle oder allgemeine Überreizung machen.


Verstehe mich dabei bitte nicht falsch: Bei traumatisierenden Erlebnissen kann das Besprechen, Aussprechen und Wiederholen ein wichtiger und heilsamer Prozess sein. Davon spreche ich hier ausdrücklich nicht. Mir geht es vielmehr um die kleinen Dinge des Alltags. Beispielsweise um eine Eigenschaft eines Arbeitskollegen, die mich gerade nervt. Statt mich immer wieder genau daran festzubeissen, könnte ich die Perspektive wechseln oder mich fragen: Warum reagiere ich eigentlich genau darauf so stark?


WORTE ALS ABWEHRSYSTEM

Die Stille hat mir jedoch nicht nur gezeigt, wie wir Worte zur Gedankenhygiene nutzen. Sie hat mir auch gezeigt, dass Worte manchmal ein Abwehrsystem sein können. Als ich still wurde, konnte ich besser fühlen. Ehrliche Komplimente gingen plötzlich direkt in mein Herz und explodierten dort regelrecht. Sie nährten und umarmten mich auf eine Weise, wie ich es vorher noch nie wahrgenommen hatte.


Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie oft ich Dinge mit Worten abwehre.

Selbst wenn ich «Danke» sage, kommt häufig noch ein «aber» hinterher. Vielleicht kennst du folgende Aussagen von dir selbst:

  • Dankeschön, aber das ist mein Job.

  • Vielen Dank, aber ich musste sowieso gerade etwas abholen.

  • Danke, aber du bist auch ganz wunderbar.


Ich versuche, darauf zu achten, das einfache «Danke» stehen zu lassen. Es muss nicht einmal ausgesprochen werden. Wenn mir jemand etwas schenkt – sei es ein Kompliment, eine Aufmerksamkeit oder einfach liebevolle Worte –, lege ich oftmals meine rechte Hand flach auf meinen Herzraum und senke leicht den Kopf – manchmal schliesse ich dabei für einen Moment die Augen. Für andere mag das einfach wie eine Dankesgeste aussehen. Für mich fühlt es sich an, als würde ich die Worte und die Liebe, die mit dieser Aufmerksamkeit einhergehen, in meinem Herzen verankern.


Spiritualität und Verstand

Nun stellt sich natürlich die Frage: Schliessen sich Verstand und Spiritualität gegenseitig aus? Für mich ganz klar: nein. Ich lebe eine bodenständige Spiritualität. Deshalb ist es mir wichtig, sie auf der Erde zu verkörpern und wirklich zu leben. Ich möchte auf der weltlichen Ebene agieren und unterschiedlichsten Menschen begegnen können. Und dafür brauche ich auch meinen Verstand.


Auch für meine Arbeit ist er wichtig. Während beispielsweise eines Channelings wird mein Verstand ruhig, weil ich mich stark in die Präsenz begebe und mich auf die Wahrnehmung dessen einlasse, was ich empfange. In diesem Moment ist mein Verstand für mich vielmehr ein Übersetzungstool. Er übersetzt beispielsweise Bilder in Worte, ohne deren Bedeutung selbst zu interpretieren. Die Bedeutung empfange ich über meine Hellsinne. Auch andere Fähigkeiten meines Verstandes können mir dabei dienlich sein. Ich erkenne beispielsweise Zusammenhänge sehr schnell – und auch das kann für ein Channeling wertvoll sein. Und natürlich brauche ich meinen Verstand auch ganz selbstverständlich, wenn ich dich bei mir begrüsse oder wir unser Vorgespräch führen.


Für mich geht es deshalb nicht darum, den Verstand auszuschalten. Viel wichtiger finde ich ein Bewusstsein für seine Limitationen. Wenn ich diese Erkenntnis mit der Fähigkeit verbinden, wertefrei in mich hineinzuspüren und meine eigene Resonanz wahrzunehmen, können Verstand und Intuition sehr harmonisch miteinander wirken.

Mehr Raum für Stille und Präsenz unterstützt diesen Prozess. Doch auch das ist ein Lernweg.


Ich bin selbst noch mitten darin. Manchmal geht es leichter, manchmal beschwerlicher. Denn nur weil wir etwas erkennen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir es auch automatisch integriert haben. Und vielleicht ist genau das ein Teil des Weges: immer wieder zwischen Verstand, Intuition und Stille zu lauschen – und herauszufinden, was sich für mich wahr anfühlt.


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